..Null: “Fokusspiel” Episode 1: Der Lehrnende
Für mich begannen die Gedanken um “das Lernen und Lehren” mit der Aufgabe eine Lehrveranstaltung des Lehrstuhls für Informationsmanagement wi² der TU Braunschweig zu betreuen. So kam es, dass ich auf das Lehrkonzept von Jean Pol Martin Lernen durch Lehren gestolpert bin, und alles nahm seinen Lauf. Auch weit über die dedizierten Gedanken über die Zukunft der Bildung hinaus. Einen zentralen Punkt nahm dabei das bei uns am Lehrstuhl so innig geliebte Mitmachweb, landläufig auch Web 2.0 genannt, ein. Dazu komme ich später noch mal zurück.
Ich stürzte mich nun also in wilde Lernaktivitäten und verstrickte mich in immer heißeren Diskussionen um Hochschulbildung (bspw. auf dem EduCamp in Hamburg), Veränderung (Diskussion bei Jean Pol Martin als polemischer Aufhänger), Wissenschaftlichkeit (Zusammenfassung auch des eigenen Dilemmas bei Oliver Tacke), und Vernetzung (weider bei Jean Pol, aber angestoßen durch den Maschendraht). Doch das ist erst die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs, denn meine ersten intensiven Erfahrungen mit einer stark vernetzten Community um die EduInteressierten haben mir gezeigt, dass sich auf all den Blogs, BarCamps, Wikis und Twitteraccounts vielmehr entwickelt als man bspw. in einem linearen wissenschaftlichen Artikel (vgl. auch hier) erfassen könnte. So haben sich mir durch meine Webaktivitäten völlig neue Horizonte geöffnet und ich habe bis heute schon Immenses über Bemühungen der deutschen EduGemeinde gelernt. Meine persönlichen Ansichten haben sich gefestigt oder sind erweitert und ungeschmissen worden. Und als fleißiges Neuron, habe ich gleich meine individuelle Kommentarkultur dazu genutzt weiter zu reichen, was sich für mich erschloss.
Denn ist es nicht erst das Anfassen und kritische Verarbeiten von Informationen das uns tatsächlich etwas lernen lässt? Und bieten wir nicht dadurch auch zu jedem Zeitpunkt einen weiteren Lerninahlt, sei es durch die Qualität des Beitrags oder eine andere Sichtweise der Dinge, für einen willkürlichen weitern Involvierten? So kann ich feststellen, dass jegliche Diskussionen um geliebte Themen immer in einem Geben und Nehmen bestehen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist dabei die Grundeinstellung aller Gesprächsteilnehmer zu einem “learning lifestyle”. Sie sind also jederzeit bereit zur Erweiterung oder Festigung ihres eigenen Wissens und suchen ständig Anschluss um dies zu tun. Lernen ist eine Grundlage ihrer persönlichen Identifikation.
Und so glaube ich, auf ganz reduzierte Weise, dass wir durch die Entlinearisierung des Lernprozesses nicht mehr nur in jeweils einem Stadium verweilen, sondern ständig beide Stadien, Lernen und Lehren, erfüllen. Ein Art hybrider Zustand, den ich “Lehrnen” nennen möchte. Denn wird obige Grundvoraussetzung erfüllt, kann durch ständiges Zusammenführen von Didaktik und Mathetik, auch der scheinbar gebildetere und vermeindlich “ausgelernte” seine Wissensbasis erweitern oder anpassen. Im Endeffekt auch eine Konsequenz aus der Neuronenmetapher.
Aber moment! Wie kann man denn überhaupt von gebildeteren Individuen sprechen? Wie ist diese These in “die Bildung” zu integrieren? Was ist überhaupt Bildung?
Ein wirrer Anfang, eine Spieglung meiner mich umgebenden Unschärfe. Mein Spiel mit dem Fokusring führt aber zunehmend zu einer ersten Fokusebene, die ich in nächster Zeit hier herausarbeiten möchte.
Mehr dazu in der nächsten Episode…
4. Juni 2010 um 14:02 Uhr
“Zwischenspiel” Episode 1: Lehrnen mit Vollgas auf | de komplex | sagt,
[...] in allem ist diese Veranstaltung inspiriert von den vielen Eindrücken die ich, wie in “Fokusspiel: Episode 1” beschrieben, gesammelt habe. Ein besonderer Dank geht dabei an alle EduCamper, sowie [...]
4. Juni 2010 um 21:21 Uhr
mons7 sagt,
Ja! Das möchte ich auch sein: Eine Lehrnende!
… mit Bildung (/Lernen) als “Haltung”…
5. Juni 2010 um 07:38 Uhr
Lisa Rosa sagt,
Schön, dass mal wieder jemand die Mathetik entdeckt! Ich rede mir schon lange den Mund fusselig, dass Unterrichten (und dessen “Wissenschaft” Didaktik) nicht unbedingt etwas mit Lernen zu tun hat und deswegen oft pfeilgrad daran vorbei geht.
Übrigens: Zur historischen Konstruktion der Begriffe Bildung und Erziehung gibt es gerade einen wunderbaren Aufsatz von Bernd Fichtner.http://www2.uni-siegen.de/~fb02/people/fichtner/docs/de/Bildung_und_Erziehung.pdf
6. Juni 2010 um 21:03 Uhr
Alex sagt,
@mons7 ja “als Haltung”, oder “Lehrnen als Einstellung”
@lisarosa ich glaube die Mathetik wird immer immer wichtiger. Bildung wird immer weniger abhängig von Hoheiten und immer individueller. So wird es kommen, dass wenn man sein (“Hoheits-”) Wissen weiterreichen möchte, man ein attraktives Lernangebot unterbreiten kann. Eines, dass sich nach den Lernspezifika des Wissenskunden richtet. Wobei ich die Frage aufwerfen würde wie so ein Wissensmarkt sich überhaupt definiert und wie er zustande kommt… Was ist seine Währung, und was motiviert die “Kunden”?